Die deutsche Stil-Bibel
 

Ludwig Reiners' Stilkunst ist das bewährte, umfassende Lehrbuch für gutes, also lesbares Deutsch.
20 Lektionen, mit Kontrollfragen und Übungen. Geeignet zum Selbststudium.
Meine Lieblingsstellen:
«Die deutsche Sprache ist ihren Anlagen nach äusserst vielseitig, differenziert und ausdrucksstark - Reichtum und Wurzelhaftigkeit ihres Wortschatzes, Fähigkeit zur Neubildung, Logik der Betonung und Freiheit ihrer gesamten Gestaltung machen
sie zu einer sehr kräftigen und nuancenreichen Sprache.»
«Die Sprache gliedert die Welt
Der naive Mensch glaubt: die Worte sind Etiketten, die der Menschgeist auf verschiedene Dinge aufklebt, oder - wissenschaftlicher ausgedrückt - Worte sind Laute, die bestimmten Dingen zugeordnet sind.
Aber dieser Glaube ist irrig. Es gibt in der Wirklichkeit keine klar abgegrenzten Dinge, denen man ein Wort aufkleben könnte. Es gibt nur eine unbegrenzte Mannigfaltigkeit von Einzelerscheinungen wie ein laufendes Filmband von Eindrücken.
Aus dieser Mannigfaltigkeit wählt die Sprache einzelne Erscheinungen mit bestimmten Merkmalen aus und fasst sie in einem Wort zusammen. Sie greift diese Erscheinungen heraus und legt sie gleichsam in eine Schublade: den Be-griff.
Das Wort ist also kein Etikett, das wir auf einen ‘gegebene’ Gegenstand kleben, sondern es greift vielmehr aus dem Meer der Erscheinungen einige Gebilde heraus und gibt ihnen einen Namen; manchmal gehören diese Erscheinungen logisch zusammen, manchmal gefühlsmässig. Mit dem Zauberstab des Wortes bildet der Mensch aus der Formlosigkeit und Bewegtheit der Welt die ordnenden Gestalten der Begriffe.
Diesen Zauberstab verwendet jedes Volk verschieden, und in der Art, wie es ihn handhabt, prägen sich seine Anschauungen aus.
„Die Verschiedenheit der Sprachen“ - sagt Wilhelm v. Humboldt - „ist nicht eine Verschiedenheit an Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltsansichten selbst.“
Daher kann man auch nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen, ohne dass ein unübersetzbarer Rest bleibt.“Traduttore traditore - der Uebersetzer ist ein Täuscher“, sagt ein italienisches Wortspiel.
Jede Uebersetzung muss gleichsam den Gedanken erst von den fremden Worten entblössen und mit den Worten der eigenen Sprache neu bekleiden, daher denn schon Schopenhauer gesagt hat, in jeder Uebersetzung müsse der Geist einen neuen Leib bekommen; jede Uebersetzung sei also eine Seelenwanderung.»
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