Stirbt das Internet? Eine Replik.

2. November 2017

„The web began dying in 2014“, meint André Staltz in einem eben erschienenen Artikel. Er begründet seine waghalsige These unter Anderem mit dem Fakt, dass „Google und Facebook direkten Einfluss haben auf über 70% des Internet-Traffics“ – und sich gegenwärtig das freie Internet verwandelt hin zu einem „Trinet“ – bestehend aus Google, Facebook und Amazon. Wiewohl ich Andrés Überlegungen spannend finde, stimme ich nicht mit seinen Schlussfolgerungen überein. Mindestens nicht, was Google betrifft. 

Wenn ich auf eine so schmerzhafte Weise von einem einzelnen Produkt abhängig wäre wie Google, würde ich wahrscheinlich auch verzweifelt nach neuen Geschäftsfeldern suchen, um mein unternehmerisches Risiko breiter abzustützen. Und um sicherzustellen, dass ich nicht abgehängt werde.

Google als Ony Trick Pony 
Googles Income speist sich aktuell zu 87.17% aus Werbung, davon 70.84% Werbung auf eigenen Properties, also AdWords.

Allen fremdwortreichen Wortäusserungen zum Trotz ist Google nach wie vor – unter Cash-Gesichtspunkten, und das ist im Business letztlich der einzig relevante Gesichtspunkt  – primär ein Suchmaschinist. Nicht irgendeiner, sondern der führende – aber ein Suchmaschinist, der es bislang nicht schaffte, mehr als die Suchmaschinenwerbung wirklich wirtschaftlich bedeutsam zu machen.

Und: Die Anzahl Suchanfragen nehmen immer noch zu und es deutet nichts darauf hin, dass sich das so bald ändern wird.

Natürlich sind neue Traffic-Lieferanten aufgetaucht – es wird ja auch mehr Zeit im Web verbracht – und natürlich absorbieren Walled Gardens wie Facebook viel Aufmerksamkeit. Kurzer Querblick: Diese Art von Aufmerksamkeit interessiert mich als Google AdWords-Anwender bzw. Last-Mile-Werber bzw. Online-Direktmarketer bzw. Rahmabschöpfer gar nicht so, bzw. sie arbeitet mir zu.

Verallgemeinert: Solange es noch Unternehmen gibt, die selbstständig aktiv sind am Markt, solange muss es Vermittler geben, die mich zu ihnen führen. Das ist das klassische Handelsprinzip, und aktuell handelt niemand mehr und besser als Google Kundeninteressen gegen Anbieterleistungen.

Und die verschlossenen Gartenplattformen sind vielleicht gar nicht so besitzergreifend, wie man meinen möchte. Automattic-CEO Matt Mullenweg dazu:

„If you’re a publisher and you have good work, I think there will always be an audience there. I think social networks provide distribution for that. Rather than being the death of blogs, it actually ended up breathing new life into them.”

Zur Freiheit verdammt
„Isn’t GOOG trying to guarantee the open Web stays alive? Not necessarily. GOOG’s goal is to gather as much rich data as possible, and build AI“. Meint der Artikelautor. Das verwechselt Massnahmen mit Zielen. Andre hat meiner Meinung nach die Mechanik von Google nicht verstanden. Google verdient ausschliesslich Geld damit, Konsumenten an Produzenten zu vermitteln – Google ist demzufolge dazu verdammt, das „offene Web“ am Leben zu erhalten – solange keine anderen substantiellen Einkommensquellen aktiviert werden können.

Wenn es keine Unternehmen mehr gibt, zu denen Google Kunden weiterleiten kann, versiegt Google’s Einkommensstrom.

From Search to better Search
Meiner aktuellen Einschätzung nach wird der angebliche  Move von “search to suggest“ Search voraussichtlich nicht ablösen, sondern Search lediglich besser machen. Noch besser. Was gut ist für uns alle.

„The common pattern among these three internet giants is to grow beyond browsers, creating new virtual contexts where data is created and shared.“ Mag sein, dass die das im Sinn haben – nur sagt das noch nichts aus über die wahren Machtverhältnisse und Nutzergewohnheiten.

Was Larry, Eric und Co. sagen, dass sie sein und machen möchten und was sie wirklich sind und machen: Das stimmt nicht immer überein…

Headerpic designed by Bimbimkha/Freepik


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